Doktor Frank-Joachim Simon: eine Ikone am SGS!

Wir alle kennen Herrn Dr. Frank-Joachim Simon, einen der am längsten an unserer Schule, dem Städtischen Gymnasium Selm, vertretenen Lehrer.

Aber kennen wir ihn wirklich? Was macht er gerne neben der Schule, und wie ist er eigentlich Lehrer geworden? Oder haben vielleicht doch nur einige von uns bei ihm Unterricht gehabt und/oder ihn durch die Gänge schreiten sehen?

Wir haben uns die Zeit genommen, ihm unsere Fragen zu stellen.

Wann haben Sie Geburtstag und wie alt sind Sie?

Einmal im Jahr. Ich bin so alt, dass die Zahl meiner künftigen Dienstjahre absehbar endlich ist.

Wo sind Sie aufgewachsen?

Aufgewachsen bin ich in Gelsenkirchen-Rotthausen, zwischen Schacht 6 und Schacht 8. Unsere Hausgenossen hießen Sengotta, Nendza, Rawalski. In der Volksschule zeichneten wir fleißig Schächte und trieben von dort aus in rechten und unrechten Winkeln Streben und Strecken in Richtung der Flöze, ohne zu ahnen, dass das Ende des Bergbaus im Ruhrgebiet schon über unseren Häuptern und denen unserer Ernährer schwebte.

Und wo leben Sie jetzt?

Ich lebe jetzt in Lüdinghausen, bin aber regelmäßig in meiner Heimatstadt, der Emscher-Metropole mit dem blau-weißen Herzen.

Haben Sie Haustiere?

Leider nein, aber wenn ich welche hätte, wäre es eine Collie. In Gelsenkirchen hatte ich von meinem Vater eine Fischzucht übernommen, die aber ein Opfer eines Sommers wurde, als der Sauerstoffgehalt im Teich zu niedrig und ich vierzehn Tage nicht zur Stelle war. Ich konnte nichts mehr retten.

Was ist Ihr Lieblingsessen?

Variatio delectat: SteinHirschSpätzlePilzCrevettenTortelliniGulaschBeißerStein. Dieser Wortmix enthält drei sehr geschätzte Gerichte.

Haben Sie Kinder?

Nein.

Sind Sie verheiratet?

Ja, und ich habe meine definitive Frau in Selm kennengelernt. Sie hat wesentlich zu meiner Sesshaftwerdung beigetragen, denn ich erwarb ein Grundstück in Lüdinghausen und ließ auf demselben ein EFH errichten. Um ihr Lob in einem Wort zu verbreiten: Sie ist eine 5*KöchinunermüdlicheProspektundZeitungsInvestigatorinTagsderoffenenTürMuseShoppingqueenGuteUrlaubsquartiereaquisiteurinZahnundWundenfeeinnovativeUnterrichtsberaterinPflanzBaumundStrauchkundigeRomantissimaachallesineinem!

Was waren/sind Ihre Hobbys?

Eigentlich habe ich meine Hobbys studiert und betreibe sie, indem ich, sie lehrend, lerne: Literatur, Sprachen und Philosophie. Daneben interessieren mich der Modellbau, Brett- und Kartenspiele, ein bisschen Schalke und der Eigensport, um eine Minimalfitness aufrechtzuerhalten. Früher war ich auch einmal in einer Sportgruppe aktiv!

Haben Sie einen Lieblingsfußballverein?

Ja! Den FC Schalke 04 – denn Liebe zum Verein kennt keine Liga oder Erfolge.

Haben Sie eine Lieblingsmusikrichtung oder einen Lieblingskünstler?

Es reicht von „John McLaughlin“ über „Santana“ bis hin zu „Beethoven“, von welchem ich letztens noch die dritte Sinfonie gehört habe. Zudem lege ich großen Wert auf die Rhythmik bei der Musik und werde mich nach dem Schuldienst vielleicht daran machen, ein Instrument zu lernen.

Was ist Ihr Lebensmotto?

Lebensmotto: Das Beste daraus machen! (Diese Antwort gab ich vor etwa 50 Jahren dem alten Herrn Sengotta, der von mir wissen wollte, was ich denn von dem Ganzen so hielte.)

Welche Sprachen können Sie sprechen?

Ich kann leider nur Deutsch fließend sprechen. – Wie viele Sprachen habe ich kennengelernt ? – Diese Frage führt schon weiter: Natürlich meine Leib- und Magensprachen, Latein und Griechisch. Wenn man diese studiert, nennt man das Klassische Philologie. Die bringt es mit sich, dass auch die Schulsprachen, Englisch und Französisch, weitergepflegt werden, Italienisch dazugelernt wird.

  • Indogermanische Sprachgeschichte: Sanskrit
  • Bibel: Hebräisch
  • Kirchenväter-(patristische)sprachen: Arabisch, Altsyrisch, Koptisch
  • VHS: Polnisch
  • Langenscheidt: Russisch, Tschechisch, Neugriechisch

Wo auf der Welt sind Sie schon überall gewesen?

Leider nur in Europa, Deutschland und in den üblichen Nachbarländern. Auf Grunde ihrer Geschichte und Kultur haben mich Griechenland und Italien mit seiner Hauptstadt Rom am meisten begeistert! Fjord-, Kreuzfahrten, eine Ostseekreuzfahrt und Mittelmeerfahrt waren angedacht, fielen aber Corona zum Opfer.

Was darf niemals bei Ihnen zu Hause fehlen?

Eine Grundausstattung des Lebensnotwendigen.

Wie modern ist Ihre technische Ausstattung?

Nun ja, es hält sich im Rahmen: Notebook, PC, also Rechner und Monitor, Smartphone wie auch das neue Schultablet. Unterm Strich bin ich nicht der Digitalisierungscaesar.

Waren Sie eher ein guter oder schlechter Schüler?

Eher ein guter, mit einem leichten Gefälle zwischen Mathe/Physik und andererseits Deutsch, Geschichte, den Schulsprachen. Sehr still und geduldig; brauchte immer etwas Anlaufzeit.

Was war Ihr bester Zeugnisdurchschnitt?

Das kann ich nicht genau angeben. Es wird wohl so im Intervall von knapp unter 2 bis 2,5 variiert haben.

Was war Ihre schlechteste Schulnote?

Zeugnisnote: ausreichend. Ein Musiktest wurde „mangelhaft“ bewertet: Der Musiklehrer geriet in Zorn, weil die Klasse unruhig war, setzte sich ans Klavier und schlug Dreiklänge an, die wir bestimmen mussten. Das ging klassenweit schief, ausgenommen die drei Personen, die ein Instrument spielten.

Wer war die beste Schülerin oder der beste Schüler, die bzw. den Sie je hatten?

Es waren im Laufe der Jahre immer wieder gute Lateiner und Philosophen dabei. (In der Evangelischen Religion bricht es ja nach der Sek I ab.) Der Name ist in folgenden Buchstaben enthalten: GAZLEBENFIHFAKMEZHUDWIUOWYLICASRILEPLUQNONGIJJ. Wer immer gut und gern bei mir Latein oder Philosophie gelernt hat, darf seinen Namen hier herauslesen.

Was waren Ihre Lieblingsfächer?

Deutsch, Latein, Englisch, Geschichte und Griechisch (das ich aber nicht an „meinem“ Gymnasium, dem Grillo-Gymnasium in Gelsenkirchen als Unterrichtsfach hatte, sondern erst nach Ablegen des Graecums an den Universitäten Bochum und Tübingen studiert habe).

Ergänzungen: In der Gymnasialzeit Propylaia durchgearbeitet = Altgriechisch-Lehrbuch; philosophische Autoren gelesen.

Haben Sie sich schon immer für die lateinische Sprache interessiert?

Ja, lebhaft; weil das, was man in ihr zu lesen bekommt, recht interessant ist: eine vergangene Welt voller Leidenschaften und Abenteuer.

In welchem Fach haben Sie Ihren Doktortitel erworben, und was haben Sie alles studiert?

Ich wurde an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) mit 33 Jahren zum Dr. phil. promoviert. Das Thema meiner Dissertation gehört in die Griechische Philologie, speziell in die Geschichte der Literatur des Hellenismus (Ta kyll‘aeidein: Interpretationen zu den Mimiamben des Herodas).

Die Wartezeit auf den Eintritt in den Schuldienst verbrachte ich als Wissenschaftlicher Angestellter an der Evangelisch-Theologischen Fakultät/Patristischen Arbeitsstelle der RUB.

Damals entstand ein gewisser Sog: Man versuchte, unter Geisteswissenschaftlern theologischen wissenschaftlichen Nachwuchs zu rekrutieren. Wer dieser Charybdis auswich, sah auf der anderen Seite die Skylla, die da Arbeitslosigkeit heißt, drohen.

Zwar kam ich in den Schuldienst durch, aber eine mögliche akademische Laufbahn ging dabei in Trümmer – wie das Schiff des Odysseus.

Aus meinen patristischen Bemühungen ging auch eine Publikation hervor: Ariana et Athanasiana (zu Athanasius von Alexandria).

Nicht hervorgingen: eine Edition der Epistulae ad Serapionem, der Schriften Contra Gentes und de Incarnatione (mit syrischer Übersetzung) und eine Übersetzung von Contra Gentes des gleichnamigen Athanasius.

Studiert habe ich Lateinische und Griechische Philologie, Philosophie und Evangelische Religionslehre.

Was hätten Sie ansonsten gerne studiert?

Klare Antwort: Deutsch, Latein, Geschichte und Griechisch. Leider wurde bei der Studienberatung von Deutsch und Geschichte abgeraten, da mit diesen Fächern absehbar keine Einstellungschancen bestanden.

Der Abschied von meinen beiden Hausfächern hat sich a) als lebenslänglicher und b) als äußerst demotivierend erwiesen.

War Ihr Berufswunsch schon immer Lehrer, oder hatten Sie auch Alternativen im Hinterkopf?

Mein Berufswunsch war keineswegs Lehrer. Ich hätte gerne eine wissenschaftliche Laufbahn eingeschlagen, etwa in der Griechischen Philologie (Homerforschung). Immerhin kann sich ein Gymnasiallehrer doch noch mit niveauvollen Autoren und Themen befassen: Es gibt eine Alternative zu „Berlin – Tag und Nacht“!

Macht ihnen Ihr Job Spaß?

Er macht immer dann Spaß, wenn man dem Zeitgeist ein Schnippchen schlagen und das Gute und Schwere, wie Goethe es nannte, vermitteln kann.

Ist Ihre Arbeit anstrengend?

Ja, das ist sie, physisch und auch intellektuell. Eine gewisse Erschöpfung lässt sich mit fortschreitendem Alter nicht verleugnen. Ich bitte daher im Voraus schon einmal um Nachsicht für die nächsten Jahre!

Was war das Peinlichste, was Ihnen jemals in Ihrer Zeit als Lehrer geschehen ist?

Ich habe einmal eine Klasse versehentlich sitzengelassen: ging nach der 6. Stunde nach Hause, hatte noch die siebente oder so ähnlich. Aber auch, wenn im Unterricht am Activeboard mal wieder der Ton fehlt oder es einfach nicht angeht.

Haben Sie schonmal in einem anderen Beruf gearbeitet?

Nein, nur beim Aufstemmen von Fußböden, Mischen von Speis und Befestigen von Paneelen geholfen. Andere Wunschberufe wären: Schriftsteller, Förster, Öko-Bauer, Offizier und alles, was mit Wasser zu tun hat, vom Kapitän bis zum Schleusenwart. Aktuell bin ich eine Art von Alltagshelfer für meine Mutter, die das neunzigste Lebensjahr überschritten hat.

Wie sind Sie zu unserer Schule gekommen?

Indem ich mich nach dem Referendariat an dem Einstellungsverfahren beteiligt habe. Auf Nachfrage hatte ich angegeben, ich wollte wohin, wo es ländlich wäre. Denn im Referendariat hatte ich festgestellt, dass es in gewissen Städten, wie z.B. Düsseldorf a) sehr teuer ist, b) nicht leicht guten Wohnraum gibt, c) keiner weiß, wo er das Auto hinstellen soll.

Wie lange sind Sie schon als Lehrer an unserem Gymnasium tätig?

Ca. 30 Jahre.

Wie finden Sie das SGS?

Ohne Navi. – Scherz beiseite: Vergleiche ich es mit den 70er Jahren, so ist die damalige Keine-Macht-für-Niemand und Ich-reformiere-alles-Atmosphäre verschwunden; es wird energisch auf die Qualifizierung für den aktuellen Zukunfts- und Arbeitsmarkt hingearbeitet (MINT-Fächer). – Vergleiche ich es mit einem Seminar für Klassische Philologie, so ist durchaus noch Luft nach oben: Es gibt keine AG Lateinisches Theater, es gibt kein Griechisch.  – Vergleiche ich es mit der RUB, so scheint es sich mehr und mehr zu einer kleinen RUB zu entwickeln. Das verheißt besonders für die Rechtschreibung der Selmer Kinder*Innen nichts Gutes.

Wenn Sie frei entscheiden können, würden Sie etwas an unserem Schulsystem ändern, wenn ja – was?

Ich würde die Vermittlung einer Allgemeinbildung wieder mehr in das Zentrum stellen. Schüler sollten nicht nur für den Arbeitsmarkt qualifiziert, sondern auch mit einem gewissen Bestand kultureller europäischer Werte bekanntgemacht werden. Und so würde ich mir die gymnasiale Bildung von der Sexta bis zur Oberprima als ein in sich geschlossenes System vorzustellen versuchen. Womit soll man sonst den Namen Europaschule verdienen, wenn nicht durch Vermittlung gemeinsamer europäischer Traditionen (z.B. Homer)?

Haben Sie einen Tipp für Ihr jüngeres Selbst?

Konzentriere Zeit und Kraft besser!

Wie nutzen Sie die aktuelle Zeit (Lockdown)?

Der Lockdown bringt mir keinen großen Freiraum, denn der digitale Unterricht ist auch zeitintensiv. Immerhin konnte ich meine Romantik-Kenntnisse erweitern und beinahe den ganzen „Ulysses“ von Joyce (in deutscher Übersetzung) durchlesen, allerdings mit dem Urteil, dass ich meine gute alte Odyssee vorziehe. Außerdem laucht mich die tägliche Prozedur vom Arbeitsauftrag auswerten und erstellen neben der normalen Anwesenheit in der Schule ziemlich aus.

Welche drei Sachen würden Sie aus einem brennenden Schulhaus mitnehmen?

Meine Tasche, meine Flasche, Svens Würfelturm und einige hübsche Minuskel- und Unzialkalligraphien von Schülerhand. – Mein Mobiltelefon habe ich immer am Mann!

Haben Sie ein Vorbild?

Herrn Professor Gaiser, den unvergessenen Platonforscher, akribischen Papyrologen, souveränen Kenner antiker Philosophie, immer väterlichen Gesprächspartner. So ein Werk wie seine „Philodems Academica“ muss man erst einmal schreiben!

Ihm habe ich das letzte Aufflackern meines philologischen Feuers gewidmet: Themistios: Paraphrase zu de anima III,4–6, in: Antike Interpretationen zur aristotelischen Lehre vom Geist.

Was haben Sie nach dem Schuldienst vor?

Im Grunde genommen sieht man dies, wenn es so weit ist. Allerdings muss ich erstmal noch für mindestens drei weitere Jahre im Schuldienst aktiv bleiben und danach plane ich eventuell ein Sabbatjahr ein.

Beschreiben Sie sich in drei Worten.

Ruhig, gleichmäßig, ein wenig hilflos, wenn in Hektik versetzt.

Gibt es noch etwas, was man unbedingt über Sie wissen muss?

Ja, meine familiären Wurzeln führen nach Sachsen-Anhalt und nach Böhmen. Ich bin also kein reinrassiger Ruhrgebietler, sondern ein K.u.K.-Austro-Saxo-Pott-Münsterland-Mix.

Was war der größte Schock ihres Lebens?

Vor einigen Jahren habe ich das Grab meiner Angehörigen besucht und auch gehofft, dort deren Sohn anzutreffen, welcher das Grab weiterhin pflegt. Zu meinem großen Erschrecken wurde mir an dem Friedhof jedoch mitgeteilt, dass dieser vor bereits damals fünf Jahren verstorben sei. Abgesehen von der Tatsache, dass nun all jene aus dem Leben geschieden sind, kann sich nun auch niemand mehr aktiv um dessen Grab kümmern.

Wollen Sie noch etwas in unserem Interview sagen?

Ja:

a) Sahen Sie, immer wenn Sie den Garten Ihrer Oma zur Landstraße hinaufgingen, einen Panzer? – Ja, denn dort stand ein T-34-Panzer.

b) Versicherten Sie Ihrem Cousin 2. Grades, dass sie im Falle eines Krieges zwischen NATO und Warschauer Pakt nicht auf ihn schießen würden? – Ja.

c) Versicherte Ihr Cousin Ihnen das Gleiche? – Nein.

d) Haben Ihr Cousin 2. Grades und Sie aufeinander geschossen, versucht, einander mit Sprengmitteln zu eliminieren oder mit Raketen zu beschießen? – Nein, dank Lech Walesa, Michail Gorbatschow, Willy Brandt, Hans-Dietrich Genscher und vielen anderen!

In diesem Sinne: Glückauf!


Es hat uns sehr erfreut, dieses Interview mit unserem Lehrer führen zu können, und wir bedanken uns an dieser Stelle ganz herzlich bei ihm, dass er sich die Zeit genommen hat und uns derart ausführliche Einblicke in sein früheres und heutiges Leben gegeben hat. Netterweise sagte er am Schluss aber noch, dass unser Interview sein Leben (wieder) lebenswerter gemacht habe, was uns natürlich sehr erfreut. In diesem Sinne wollen wir uns auch bei euch Lesern für die Ansicht unseres Artikels bedanken.

„Valete“! Euer Finn & Luis

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